Pauline hat mich gebeten für ihre Verwandten und Bekannten, die im
Gesundheitssektor tätig sind, einen kleinen Bericht über das Gesundheitssystem
in Benin zu schreiben. Zwar will ich nicht behaupten, dass ich den kompletten
Durchblick habe, aber ich konnte in den vergangenen Wochen doch einen Einblick gewinnen.
Es folgt also ein kleiner Versuch euch diesen zu weiter zu vermitteln:
Zunächst muss man (leider) feststellen, dass das Gesundheitssystem hier in
Benin an allen Kanten und Ecken krankt. Es ist leider nicht so schön
durchorganisiert und funktionstüchtig, wie wir es aus Deutschland kennen. Aber
das ist natürlich nicht weiter verwunderlich, da Benin nun mal Entwicklungsland
ist und sich dieses in der Regel in erster Linie in Bildungs- und Gesundheitsversorgung
bemerkbar macht.
Zur allgemeinen Organisation: An der Spitze steht selbstverständlich das
Gesundheitsministerium, hier werden alle wichtigen (politischen und
finanziellen) Entscheidungen betreffend der Gesundheit getroffen. Anschließend
kommt die Universitätsklinik CNHU in Cotonou, welche gleichzeitig die größte
und am besten ausgestattete Klinik ist. Wobei ein Freund von uns meinte, dass
auch dort die Ausstattung eher mangelhaft ist: Selbst dort sollen sie
beispielsweise keinen MRT Scanner haben. Diese Info habe ich aber nur aus
zweiter Hand! Jedes Department (elf gibt es insgesamt) hat ein größeres
Krankenhaus, ein CHD. Ich arbeite im CHD – OP, also im „Centre Hospitalier Departemental
Ouémé-Plateau“ (Pauline war mit ihrer kleinen Verletzung im CHD – Zou). Das
CHD-OP hat theoretisch 400 Betten, wobei momentan wegen Renovierungsarbeiten nur
275 Betten nutzbar sind. Ich denke die anderen CHDs sind ähnlich groß.
Anschließend gibt es die „Hôpital de Zone“ und zum Schluss die Gesundheitszentren.
Von denen weiß ich jedoch nicht, wie groß sie sind und wie sie ausgestattet
sind. Ich hatte auch irgendwo eine Grafik zur Dichte der medizinischen
Versorgung gesehen, leider finde ich diese nicht mehr. Sie war jedenfalls
ziemlich eindrucksvoll: Die Arztdichte ist erschreckend gering in Benin. Im
Norden ist sie noch mal deutlich niedriger als im Süden. Nicht verwunderlich,
da wohl mehr beninische Ärzte in Frankreich arbeiten als in Benin selber.
So viel zur allgemeinen groben Struktur. Nun zum CHD-OP, welches wohl
repräsentativ für alle CHD’s ist: Das
Krankenhaus ist grundsätzlich ein sehr schönes Gebäude, aber trotzdem fällt
sofort ins Auge, dass es an allem mangelt. Die Kranken liegen auf zum Teil
kaputten Krankenhausbetten, Laken und ähnliches werden nicht gestellt. Die Patienten
müssen alles selber mitbringen, was dazu führt dass sie beispielsweise oft
direkt auf den Matratzen liegen. In den Gängen und Kabinen trifft man überall
auf Menschen die ihre Angehörigen begleiten. Die sogenannten „garde-malade“. Sie
haben sich richtige Lager eingerichtet und liegen oder sitzen auf dem Boden. Der
Geruch ist teilweise bedenklich. Grundsätzlich ist die Hygiene ein großes
Problem. Dies liegt zum einen daran, dass die Patienten beispielsweise nicht gewohnt
sind Mülleimer zu nutzen (wenn sie vom Land kommen), oder auch Toiletten. Wobei
es schon für die Belegschaft nur wenige funktionstüchtige Toiletten gibt und
ich ehrlich gesagt keine Ahnung habe, wo es Toiletten für die Patienten gibt. Aber
auch das Personal, wie beispielsweise KrankenpflegerInnen setzt Hygienemaßnahmen,
wie beispielsweise korrektes Händewaschen oder Trennung von medizinischem Müll,
nur mangelhaft durch. Es ist also nicht
so klinisch rein im Krankenhaus, wie man es aus Deutschland kennt, sondern eher
so wie man es bei uns aus einer Schule kennt. Natürlich gibt es auch
Abteilungen, wie z.B. die Reanimation, in denen Hygienemaßnahmen besser
durchgesetzt werden.
Grundsätzlich gilt im Krankenhaus erst Bezahlen und dann folgt die
Behandlung. Zwar sind Behandlungen hier deutlich günstiger als in Deutschland,
aber für die Bevölkerung hier ist es dann meistens doch ein Vermögen, das sie
ausgeben müssen. Außerdem benötigt man hier dringend eine Begleitperson.
Medikamente, dazu gehören auch Dinge wie Infusionen und Einwegspritzen, werden
nicht einfach so von den KrankenpflegerInnen gebracht. Der Angehörige erhält eine
„ordonnance médical“, also eine Liste allen Medikamenten, die der Kranke
benötigt. Anhand dieser Liste kauft er dann selber in der Apotheke die zur
Versorgung nötigen Medikamente ein. Auch Pflegearbeiten, wie Waschen, Füttern
o.ä. der Patienten, werden nach meinen Beobachtungen nicht von
KrankenpflegerInnen durchgeführt, sondern von Angehörigen. Es mangelt in allen
Abteilungen an Personal, das Krankenhaus darf jedoch nicht mehr einstellen – Anweisung
von ganz oben, dem Gesundheitsministerium.
Falls jemand wirklich gar keine Mittel hat ist der „Service Social“
zuständig. In dieser Abteilung bin ich gerade für drei Wochen tätig, was
teilweise doch sehr schockierend und ernüchternd ist. Nach einer längeren
Prozedur und viel Bürokratie können Bedürftige eine „prise en charge“ erhalten.
Das heißt, der Staat kommt für ihre Behandlung auf (Beamte haben übrigens
automatisch eine solche „prise en charge“). Hierzu wird die soziale Situation
der Familie überprüft. Dies ist zwar eine wirklich gute Sache, aber reibungslos
läuft es leider auch hier nicht, obwohl die in der Abteilung tätigen
Sozialarbeiterinnen echt tolle Arbeit leisten. Aber auch sie sind übrigens hoffnungslos
unterbesetzt. Der Staat stellt jährlich einen bestimmten Betrag für die
Sozialfälle zu Verfügung. Ist dieser aufgebraucht, erhalten die Krankenhäuser
das für Sozialfälle ausgegebene Geld nicht zurück. Ganz nach dem Motto „Wer
zuerst kommt, mahlt zuerst“. Insgesamt hat das CHD-OP durchschnittlich etwa 60
Fälle im Monat, die eine „prise en charge“ erhalten. Für die Armut hier eine,
meiner Meinung nach, erstaunlich geringe Anzahl. Aber es wird eben zunächst mit
allen Mitteln versucht, die Angehörigen zur Kasse zu bitten bis diese wirklich
nicht mehr zahlen können. Außerdem handelt es sich bei den Sozialfällen meist um
schwerwiegendere Krankheiten. Also meistens kranke Kinder oder Fälle für die
Chirurgie. Bei nicht schwerwiegenden Dingen geht man hier einfach nicht zum
Arzt, da man es sich nicht leisten kann.
Einige Aspekte sind auch wirklich gut hier – zumindest von der Idee her, in
wie weit die Umsetzung immer gelingt, kann ich nicht sagen. So ist die Testung
auf HIV immer kostenlos, fällt der Test positiv aus, ist auch die weitere Behandlung
kostenlos. Wobei der zuständige Sozialarbeiter im CHD-OP meint, dass manchmal
ganz schön jongliert werden muss, um alle zu versorgen. Die HIV-Rate in Benin
liegt bei 3%. Des Weiteren ist die (Notfall-)Behandlung von Kindern unter fünf
und von schwangeren Frauen kostenlos und der Kaiserschnitt ist seit 2009 auch.
Allgemein denke ich, dass hier doch mit den ziemlich beschränkten Mitteln versucht
wird eine möglichst gute Gesundheitsversorgung zu erreichen. Zwar reicht sie
lange nicht an das Niveau in Deutschland heran, aber grundsätzlich wird das
Ziel verfolgt (wenn leider auch nicht immer erreicht), alle Kranken zu
versorgen und zu behandeln.
Ich könnte natürlich noch einiges
mehr schreiben, aber irgendwo muss ich auch einen Punkt machen. Ich hoffe, dass
waren die Art von Informationen, die ihr euch erhofft habt. Ansonsten könnt ihr
natürlich auch gerne noch Fragen stellen. Für diejenigen, die Französisch
können gibt es einen interessanten Bericht zur Gesundheit in Benin: „Enquête
démographique et de santé“ Bénin, 2006.
Der Bericht ist im Internet frei zugänglich.
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